21.12. 2005

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Lidl Schwarzbuch von UNI Handel und ver.di auf englisch herausgegeben

Das Lidl Schwarzbuch ist als gemeinsames Projekt von UNI Handel und ver.di in englischer Sprache herausgegeben worden. Es erzählt die Erfahrungen hauptsächlich von Arbeitnehmern von Lidl in Deutschland und legt die miserablen Arbeitsbeziehungen des Hartdiscounters offen. Der Discounter mit dem zweifelhaften Stirnband-Ruhm, der europaweit vertreten ist und unaufhörlich wächst, ist der Vorfrontmann für die Walmartisierung des Arbeitslebens in Europa.

Der vermutlich meist beachtete Skandal um Lidl entstand nach der Berichterstattung über eine Zwangsbestimmung für Arbeitnehmerinnen bei Lidl in der Tschechischen Republik, die angeblich während ihrer Monatsperiode besondere Stirnbänder tragen sollten, um während der Arbeitszeit die Toilette aufsuchen zu dürfen. Ohne dieses sichtbare Erkennungszeichen waren sie, wie alle anderen Arbeitnehmer, bis zur nächsten Arbeitspause an ihre Kassen- oder andere Arbeitsbereiche gebunden.

Einzelhändler mit Stirnband-Ruhm
Der tschechische Lidl-Skandal, den das Management von sich weist und behauptet, er hätte niemals stattgefunden, wurde durch die Öffentlichkeit in äusserster Schärfe verurteilt und von Mitbewerbern spöttisch verlacht. Topmanager anderer deutscher Einzelhandelsriesen, die an einer Konferenz in UNIs Zentrale in Nyon teilnahmen als die Meldungen laut wurden, äusserten, sie hätten sich diesen Vorgang sehr gut vorstellen können - in ihrem Unternehmen aber, betonten sie, dürften die Arbeitnehmer die Toiletten aufsuchen, wenn es nötig sei.

Obwohl das Lidl Schwarzbuch die Geschichte des Stirnbandes nicht aufgreift, und ganz gleich, ob sie so geschehen ist oder nicht, was nie wirklich nachgewiesen werden konnte, es vermittelt einen Eindruck des empörenden Verhaltens der Geschäftsleitung. Vor allem zuhause in Deutschland scheint das Unternehmen ein System des Angstmanagements etabliert zu haben. Jeder Arbeitnehmer wird verdächtigt und jeder soll sich fürchten.

Kein Platz für Gewerkschaften

Wie bei Wal-Mart sollen Gewerkschaften in Lidls Universum keinen Platz finden. Gewerkschaftsbekämpfung ist an der Tagesordnung und die amöbenhafte Struktur, welches das Schwarz-Imperium geschaffen hat, ermöglicht es, weitere Versuche der Schaffung normaler Arbeitnehmervertretungsstrukturen zu verhindern. Trotzdem schreitet ver.di bei der Mitgliedsrekrutierung und Stärkung der gewerkschaftlichen Strukturen bei Lidl voran.

Ausserhalb Deutschlands scheint sich das Unternehmen an die Realität der lokalen Gesetzgebung und an die Regeln zu halten, vor allem in den nordischen Ländern, wo die gewerkschaftliche Organisationsrate besonders hoch ist. Lidl ist dort dem Arbeitgeberverband beigetreten und setzt Tarifvereinbarungen um. Aber auch dort zeigt das Unternehmen inzwischen seine Krokodilszähne. Es wird immer offensichtlicher, dass der Hartdiscounter Schwierigkeiten damit hat, sich der Kultur und den Gewohnheiten des Gastlandes anzupassen.

Niedriges Verbrauchervertrauen

Billigpreise sind eine der vielen Gemeinsamkeiten mit Wal-Mart. Ansonsten fällt es dem deutschen Handelsmulti schwer, das Vertrauen der Kunden zu binden. Verbraucherumfragen drücken Lidl regelmässig in die letzte Reihe zurück, weit hinter seine grossformatigen und vielseitigen Mitbewerber. Wichtig ist dabei zu erwähnen, dass diese üblicherweise auch wesentlich bessere Arbeitgeber sind, die sich im konstruktiven Sozialdialog mit den Handelsgewerkschaften engagieren.

Die vielen Gemeinsamkeiten zwischen Lidl und Wal-Mart sind sicherlich kein Zufall. Was die kommerziellen Ideen anbelangt, so ist Lidl ein Abklatsch des Marktführers der Discounter, Aldi, auch zuhause in Deutschland. Wal-Mart hingegen dient als Modell für Arbeitgeberverhalten, sowie das Auftreten gegenüber den Produzenten und Lieferanten. In Europa ist Lidl de facto zum Vorfrontmann bei der Walmartisierung des Lebens geworden.

Lidl - ein Ausbeutungsbetrieb?

Nur selten wird in der logistischen Kette von Lidl die Frage nach der sozialen Unternehmensverantwortung gestellt. Während sich andere führende Einzelhändler mehr oder weniger erfolgreich darum bemühen, die Richtlinien der sozialen Unternehmensverantwortung umzusetzen, hat man Lidl davon nicht einmal sprechen gehört. Es ist äusserst positiv zu bewerten, dass die Medien und Nichtregierungsorganisationen, die faire Beschäftigungs- und Arbeitsbedingungen an Produktionsstätten in China und in anderen Länder verlangen, ein kritisches Auge auf Einzelhändler gerichtet halten. Es wäre gleichermassen gut, wenn auch Lidl, Aldi und anderen Diskountern diese Aufmerksamkeit zuteil werden würde. Viele Ausbeuterbetriebe könnten wohl enttarnt werden, wenn man den Billigpreisen nachginge.

Der Titel dieser veröffentlichten Sammlung von Negativbeispielen spielt auf Firmengründer Dieter Schwarz an, der noch immer im Hintergrund die Fäden zieht. Exemplare der englischsprachigen Ausgabe können direkt bei ver.di in Berlin bestellt werden.
 
Bestellung: "Black Book"
"The Black Book on the Schwarz Retail Company"
von Andreas Hamann und Gudrun Giese
Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft ver.di, UNI Commerce
Berlin, Nyon Dezember 2005