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04/30/2002
Maiaufruf des IBFG 2002
Die Gewerkschaften und ihre Mitglieder sind Hüter der Demokratie und der Arbeitnehmerrechte weltweit.

In diesem Jahr sind weltweit so viele Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer wie noch nie auf die Straße gegangen. Sie haben gegen die Versuche von Regierungen gekämpft, ihre Rechte zu beschneiden. Sie verschaffen sich Gehör, wenn wirtschaftliches Missmanagement den Lebensunterhalt aller bedroht. Sie fordern, dass die Kräfte der Globalisierung gebändigt und unter Kontrolle gebracht werden.

Nach der korrupten Wahl in Simbabwe bestand die einzige Protestaktion in dem Land darin, dass die Gewerkschaften zu einem landesweiten Streik aufriefen. Als sich die argentinische Wirtschaft in Rauch auflöste, gingen die Beschäftigten auf die Straße, um Veränderungen zu fordern. Als Italiens Ministerpräsident Berlusconi anfing, die hart erkämpften Rechte italienischer Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer zu beschneiden, folgten Millionen dem Protestaufruf der Gewerkschaften. In Japan beteiligten sich Tausende Gewerkschaftsmitglieder an Massenprotesten gegen die soziale Unsicherheit und die gewerkschaftsfeindlichen Reformen ihrer Regierung. Als die unbedachten Reformen der indischen Regierung drohten, das Leben der Beschäftigten und ihrer Familien zu zerstören, beteiligten sich rund 10 Millionen Gewerkschaftsmitglieder an einem landesweiten Protesttag. Wenn die Dinge ernsthaft schief laufen, sind die Stimmen der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer lauter zu hören als alle anderen.

Wenn Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer protestieren, setzen die Gewerkschaftsführer häufig ihre persönliche Sicherheit aufs Spiel. Als die koreanischen Beschäftigten angesichts einer weiteren repressiven Attacke der Regierung nicht zurückwichen, landeten ihre Gewerkschaftsführer im Gefängnis und mussten zum Teil mit langen Haftstrafen rechnen. Als die nigerianischen Gewerkschaften in diesem Jahr zu einem Generalstreik aufriefen, wurde ihr Chef verhaftet. Als unabhängige Gewerkschaften in China gegen Entlassungen protestierten, wurden ihre Führer eingesperrt. Und in Kolumbien kostet die Gewerkschaftsarbeit jedes Jahr Dutzende Gewerkschaftsführer das Leben.

Diese Gewerkschaftsführer und die Beschäftigten, die sie vertreten, sind sich der Gefahren bewusst. Sie wissen, dass eine Verhaftung oder gegen sie gerichtete gewaltsame Angriffe manchmal die einzige Möglichkeit sind, um der Weltöffentlichkeit vor Augen zu führen, was in ihrem Betrieb, in ihrer Wirtschaftsbranche oder in ihrem Land ungerecht bzw. repressiv ist.

Die Stimme der vereinten Arbeitnehmerschaft ist kräftiger als jede andere. Wenn Tausende – oder sogar Millionen – Menschen solidarisch Seite an Seite stehen, können weder Regierungen oder Arbeitgeber noch ihre Gewerkschaftskolleginnen und –kollegen in aller Welt sie ignorieren.

Auch diejenigen Beschäftigten, die das Glück haben, nicht in den Konfliktzonen zu arbeiten, sind immer noch Teil der Großfamilie, die mit Gefahren oder Härten rechnen muss. Auch sie können in Konflikte hineingezogen werden und werden es auch, wenn sie ihre Unterstützung und Solidarität anbieten. Aus diesem Grund haben die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in aller Welt beispielsweise so nachdrücklich Frieden für den Nahen Osten gefordert. Der Wert dieser Solidarität in all ihren Formen ist unermesslich. Internationale und nationale Gewerkschaftsführerinnen und Gewerkschaftsführer reisen Tausende Kilometer weit, um Gerichtsprozesse von Gewerkschaftern zu beobachten oder im Namen ihrer Kolleginnen und Kollegen bei Regierungen zu intervenieren. Gewerkschaftsmitglieder beteiligen sich an globalen „Aktionstagen“ der Gewerkschaften, und einzelne Mitglieder verfassen auf internationale Appelle hin Protestschreiben. Solidarität greift auf allen Ebenen.

In der internationalen Gewerkschaftsbewegung setzen sich der Internationale Bund Freier Gewerkschaften (IBFG) und seine Partner in der internationalen Gewerkschaftsgruppierung „Global Unions“ für genau diese Art von Solidarität ein. Wir protestieren gegen von Regierungen und Arbeitgebern begangene Arbeitnehmerrechtsverletzungen. Wir vertreten die Beschäftigten in den globalen politischen Gremien, die die Normen festlegen, nach denen wir leben. Wir schlagen im Namen vieler Millionen erwerbstätiger Männer und Frauen Wege vor, wie die schmerzlichen Folgen der Globalisierung für die Beschäftigten und ihre Familien überall, in den ärmsten bis hin zu den reichsten Ländern der Welt, bekämpft werden können.

Unsere Stärke liegt in unserer Zahl: Die Gewerkschaften müssen wachsen und organisieren, wenn sie gehört werden wollen. Die Bemühungen der internationalen Gewerkschaftsfamilie sind bedeutungslos, wenn sie nicht von einer starken und sich ständig erneuernden Mitgliederbasis in den Einzelgewerkschaften untermauert werden. Die Gewerkschaften müssen Männer und Frauen, Jung und Alt, vor allem von dem Wert einer Gewerkschaftsmitgliedschaft in ihren eigenen Betrieben überzeugen. Und sie müssen die zentrale Bedeutung der Gewerkschaften nicht nur am Arbeitsplatz, sondern auch für die Garantie grundlegender Freiheiten für die Menschen in aller Welt hervorheben.

Wir grüßen heute alle Gewerkschaftsmitglieder, Hüter der Demokratie und der grundlegenden Arbeitnehmerrechte in aller Welt, und danken ihnen für ihren Einsatz für ein besseres Arbeitsleben für alle, für bessere Gesellschaften und eine bessere Welt.

Es lebe der Tag der Arbeit. Es lebe die internationale Gewerkschaftssolidarität.



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